Wann bin ich endlich da?

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martin
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Wann bin ich endlich da?

Beitrag von martin » Freitag 1. September 2017, 12:35

Kopie des (mittlerweile unregistriert nicht mehr zugänglichen) Artikels.
Quelle: http://www.zeit.de/2012/30/Wanderweg-Ze ... ettansicht


Wann bin ich endlich da?

Die korrekte Marschzeit in den Bergen zu berechnen, war lange eine Herausforderung. In der Schweiz, dem Heimatland der Wanderwissenschaft, ist dieses Problem endlich perfekt gelöst – dank einer ultimativen Formel.

Von Till Hein
19. Juli 2012
ZEIT Nr. 30/2012

Bernhard Schmidt ist ein weltoffener Mann. Doch wenn es um die Perfektion des Wanderwegenetzes geht, wird der Schweizer patriotisch. Da sei sein Land weltweit führend. »Selbst die Kollegen aus Deutschland bekommen wässrige Augen, wenn sie sehen, wie präzise wir hier arbeiten«, sagt der Geschäftsführer des Vereins Berner Wanderwege .

Heute gibt es insgesamt 60.000 Kilometer ausgeschilderte Wanderrouten in der Schweiz – das ist Weltspitze. Allein die Länge der Wanderwege im Kanton Bern, für den Schmidt zuständig ist, entspricht der Distanz Bern–Tokio. Die Schweizer haben mit der ihnen eigenen Gründlichkeit das wohl schwierigste Problem der Freizeitdisziplin Wandern gemeistert: die Frage nach der richtigen Zeitangabe auf den Wegweisern. In den Bergen sagt schließlich die Kilometerdistanz kaum etwas über den Zeitaufwand aus.

Doch auch mit Angaben wie »1 Std. bis zur Hütte« kann man mitunter böse Überraschungen erleben. Je nach Wetter und Kondition kann sich die eine Stunde unendlich dehnen. Auch regionale Unterschiede machen dem Wanderfreund zu schaffen. Die Zeitangaben im Kanton Bern etwa galten lange als eher gemächlich, die in Graubünden hingegen als sadistisch. Die Bündner, so erzählt man sich in den Schweizer Alpen, ließen nämlich nicht Durchschnittstypen, sondern topfitte Bergsteiger die Strecken abwandern. Dementsprechend stramme Zeiten kamen zustande.

Wenn es nach Andreas Wipf geht, gehören derart subjektive Angaben der Vergangenheit an. Der Geograf ist in der Schweiz für die Digitalisierung von Wanderwegen zuständig. Seine Mission: eine optimale und einheitliche Berechnung der Marschzeiten.

»Ganz früher«, erzählt Wipf, »wurden die Routen von Freiwilligen abgewandert und die Zeiten gestoppt.« Um subjektive Unterschiede auszugleichen, wurden immerhin noch Mittelwerte berechnet. Dennoch war die Genauigkeit in den Augen von Wipf allenfalls Pi mal Daumen. 2006 machte die Wanderwissenschaft ihren ersten Quantensprung. Damals wurde eine einheitliche Geschwindigkeit von 4,2 Stundenkilometern (in flachem Gelände) als Richtwert festgelegt.

Ein Durchbruch. Schließlich, so erklärt Marschzeiten-Optimierer Wipf, müsse »die Methodik immer und überall gleich sein, damit die Wandernden ihr Tempo mit den Zeitangaben eichen können«. In den siebziger Jahren kalkulierte man mit 4,5 Kilometern pro Stunde. »Die Zürcher allerdings«, erzählt Wipf, »rechneten schon immer mit gemächlichen 4,0 Stundenkilometern.« Mit diesem Durcheinander hat es jetzt ein Ende.

»Überall gleich falsch wäre immer noch besser als manchmal richtig und manchmal falsch«, sagt Wipf. Auch die Gestaltung der Wegweiser wurde optimiert. Während in vielen Ländern Europas unzählige bunte Markierungen fröhliches Chaos verbreiten, herrscht auf Schweizer Wanderwegen einheitliches Gelb, genauer gesagt: Gelb RAL 1007. Darauf kommt die Astra-Frutiger zum Einsatz, ein schlanker, eleganter Schrifttyp, der in der Schweiz für Straßenschilder vorgeschrieben ist. Denn Wanderwege gehören hier offiziell zu den Straßen. Und seit 2006 steht auf Wegweisern auch nicht mehr Std., sondern h – aus Wipfs Sicht ein eindeutiger Fortschritt: »Die Abkürzung h braucht weniger Platz und ist internationaler.«
Die ultimative Formel

Will man als Laie eine Wanderzeit ermitteln, kann man also so vorgehen: Man rechne in flachem Gelände mit 4,2 Kilometern pro Stunde und addiere für jede Höhendifferenz von 300 Metern bergauf eine zusätzliche Stunde. Beträgt die horizontale Entfernung bei einer Tour beispielsweise 12,6 Kilometer und der Aufstieg 600 Meter, dann ergibt sich als Wanderzeit: 3 + 2 = 5 Stunden. »Als erste Annäherung ist das durchaus brauchbar«, sagt Andreas Wipf.

Für den Profi sind solche Faustregeln natürlich viel zu ungenau. Der rechnet nämlich mit der Formel: »t_to = {L • [C0 + (C1 • S) + (C2 • S2) + (C3 • S3) + (C4 • S4) + (C5 • S5) + (C6 • S6) + (C7 • S7) + (C8 • S8) + (C9 • S9) + (C10 • S10) + (C11 • S11) + (C12 • S12) + (C13 • S13) + (C14 • S14) + (C15 • S15)]} / 1000« – der ultimativen Formel zur wissenschaftlich exakten Wanderzeitenberechnung.

»Das sieht komplizierter aus, als es ist«, beruhigt der Wanderwegespezialist Felix Kromer. t_to sei das Kürzel für die Wanderzeit zwischen zwei Orten, L stehe für die Horizontaldistanz und S für die Steigung zwischen Start und Ziel. Und dann gibt es noch 15 Konstanten, die sich aus mathematischen Gründen als notwendig herausgestellt haben, etwa C0 = 14,27, C1 = 0,37, C2 = 0,03. »Die Kurve, die dieses Polynom 15. Grades beschreibt, sieht aus wie der Schwanz eines Drachen«, versucht Kromer die Sache plastisch zu machen, »eine Wellenlinie mit acht Bögen nach oben und sieben nach unten.« Und für die Wanderzeiten sei vor allem das U-förmige Teilstück des letzten Bogens maßgebend: »Die dortigen Steigungen entsprechen denjenigen der Wanderwege.« Einziger Nachteil der Formel: Bei Wegstrecken mit einer Steigung von mehr als 40 Prozent ist sie überfordert.

Mit Wehmut erinnert sich Kromer, der von 1987 bis 2004 Technischer Leiter der Schweizer Wanderwege war, an die Zeit, als diese Zauberformel entstand. Ein Kollege vom Bundesamt für Landestopografie leistete Pionierarbeit und recherchierte im Wanderwegenetz der Schweiz nach Routen mit konstanter Steigung. »Eine echte Herausforderung«, erinnert sich Kromer. Insgesamt fand der Mann 162 solche Wegstrecken, alle unterschiedlich steil. In Testwanderungen marschierte er sie persönlich ab und stoppte die Zeit. Der Sohn dieses engagierten Mannes wiederum war EDV-Experte und entwickelte auf Basis der erwanderten Daten das Polynom 15. Grades. Vater und Sohn dürfen daher mit Fug und Recht als die Einsteins des Wanderns gelten.

Kromer, der heute Geschäftsführer der Firma Kromer Mobility ist, ließ den Algorithmus in ein Geoinformationssystem namens gowalk implementieren. Zwar mussten die Höhenmeter der einzelnen Wegweiserstandorte noch nach der alten Methode aus der Landkarte herausgemessen werden. Anschließend aber gab man die Daten in den Computer ein und bekam sofort ein Resultat. Das erste digitale Geländemodell der Schweiz namens DHM25 – ein landesweites Raster aus Quadraten mit 25 Meter Seitenlänge – sei ein weiterer Schritt nach vorn gewesen, erzählt Kromer. Jetzt macht gowalk es möglich, Wanderzeiten automatisch zu berechnen. 18 der 26 Schweizer Kantone setzen mittlerweile auf dieses System.

Deutschland ist von solchen Verhältnissen weit entfernt. Immerhin: Im Schwarzwald – wo noch um das Jahr 2000 rund 150 unterschiedliche Markierungssysteme verbreitet waren – wurden die Wegweiser und Wanderzeichen nach Schweizer Vorbild vereinheitlicht. Doch die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Viele Wanderer wünschten sich gar kein flächendeckendes Angebot optimierter Wanderpfade, meint der Soziologe Rainer Brämer vom Deutschen Wanderinstitut in Marburg . Sie suchten »erlebnisoptimierte Leitwege«.

Trotz der Aufwertung des Wegenetzes im Schwarzwald stieg die Popularität anderer deutscher Wandergebiete stärker an. »Die gezielte Orientierung an den tatsächlichen Wünschen der ›Wanderkunden‹ hat sich gegenüber der flächendeckenden Bereinigung des Leitsystems als zumindest touristisch vorteilhafter erwiesen«, schreibt Brämer in einer Studie. Sein Verdacht: »Viele Gäste tun sich im Schwarzwald heute schwer, aus der Vielfalt der Wegenetzmaschen selbst einen attraktiven Rundweg zusammenzustellen.«

Was treibt sie wirklich um, die Wanderer? Das Deutsche Wanderinstitut hat dazu zahlreiche Umfragen durchgeführt: Mehr als die Hälfte der Deutschen (55 Prozent) geben an, dass sie zumindest gelegentlich wandern. Der Imagewandel hin zum Trendsport für junge Leute, den viele Tourismus-Marketingexperten anstreben, scheint jedoch nicht gelungen: Wie in früheren Jahrzehnten ist der durchschnittliche deutsche Wanderer 48 Jahre alt. Die Durchschnittswanderzeit ist allerdings dramatisch gesunken, auf gerade mal zweieinhalb Stunden. Ebenfalls erstaunlich: Nicht die Großstädter zieht es in die Natur, sondern prozentual häufiger die Bewohner von Kleinstädten.

Bei den Nichtwanderern, so hat die Forschung festgestellt, gehören rund drei Viertel zur Gruppe der »naturfernen Nichtwanderer«. Sie für das Wandern zu interessieren wird sehr schwerfallen. Interessanter für die Wanderlobby ist das kleinere Segment der »verhinderten Wanderer«. Der Soziologe Rainer Brämer hat erforscht, was die Nichtwanderer konkret am Wandern hindert. Neben gesundheitlichen Problemen nannten die Befragten vor allem »zu langweilig« und »zu anstrengend« (jeweils 27 Prozent). Immerhin 7 Prozent gaben aber auch »Orientierung zu schwer« als Grund an.
Bewusste Falschangabe

Zumindest diese 7 Prozent der deutschen Nichtwanderer können in der Schweiz glücklich werden. Allein im Kanton Bern kümmern sich Dutzende Bezirksleiter ehrenamtlich darum, dass sich niemand verirrt. Jeder betreut eine Wegstrecke von bis zu 200 Kilometern und sorgt dafür, dass die gelben Markierungen jedes Jahr aufgefrischt werden. Zu jedem der rund 40.000 Wegweiser existiert eine Akte, zu welcher Kategorie er gehört, wie er beschriftet sein und in welche Richtung er weisen muss. Nichts bleibt dem Zufall überlassen: »Kontrollpunkt 4: Sauberkeit«, vermerken etwa die Richtlinien. »Mängel: Verschmutzungen, Maßnahmen: Wegweiser reinigen.«

Trotz aller wissenschaftlichen Akribie hat die Marschzeitenangabe auf den Wegweisern noch immer ihre Tücken: Gewitter, Felsstürze, Lawinen, Autoverkehr sind Störvariablen. Zuweilen greifen Mutterkühe Urlauber an, oder Nacktwanderer lenken vom Marschieren ab. Solche Faktoren kann leider auch die perfekteste Wanderformel nicht vorhersagen. Abgesehen davon aber seien mittlerweile fast alle Angaben korrekt, sagt Bruno Maerten, der im Kanton Bern für die Signalisierung zuständig ist. »Nur bei einem einzigen Wegweiser haben wir die Wanderzeiten bewusst falsch angegeben« – bei der Strecke zu einer wichtigen Seilbahnstation. Immer wieder hatten sich Urlauber beschwert, die letzte Gondel ins Tal sei ihnen vor der Nase weggefahren. »Daher haben wir jetzt an dieser Stelle 30 Minuten Puffer eingerechnet«.

Er selbst fährt häufig »ins Feld«. Denn die verwendeten Geodaten sind nicht immer auf dem allerneusten Stand. Heute wandert er in der Gegend von Interlaken über eine neue Hängebrücke. Für die ursprüngliche Route durch die Schlucht hat die PC-Software eine Marschzeit von 13 Minuten ausgespuckt. Über die Brücke braucht Maerten nur knapp fünf Minuten. Die Angaben auf dem Wegweiser vor der Schlucht sind seit dem Bau der Brücke also um zehn Minuten zu hoch.

Maerten legt die Stirn in Falten. Wenn die Zeitangaben auf einem Wegweiser nicht stimmen, hat eine Korrektur für viele weitere Standorte Konsequenzen. Würde man etwa den Hauptwegweiser vor dieser Schlucht ändern, wären 19 weitere Wegweiser betroffen. Soll er die alle erneuern lassen, wegen knapp zehn Minuten? Maerten seufzt. Er will noch einmal darüber schlafen.

Trotz aller beruflichen Mühen liebe er das Wandern noch immer sehr, sagt Bruno Maerten auf der Rückfahrt nach Bern. Auch seine Ferien verbringe er oft in den Alpen. »Am liebsten ganz weit oben«, sagt er. »Dort, wo es keine Wegweiser mehr gibt.«

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